Die Preisträger 2020


Die besten Beiträge wurden von einer unabhängigen Jury mit dem Mittelfränkischen Jugendfilmpreis, einem Geldpreis, sowie einem ‘Lobo’ ausgezeichnet. Einige der Filme qualifizieren sich außerdem für das BAYERISCHE KINDER & JUGEND FILMFESTIVAL, das vom 16.-22 Juli 2020 online stattfindet.

Nähere Infos zu den Preiskategorien findet ihr unter Jury & Preise.

Für Infos zu den Preisträger-Filmen unten auf den entsprechenden Preis klicken.

Hauptpreise:

1. Preis in der Kategorie COMING UP
Jannik Hösch: „Revoir“ (Lauf 2019 // 7 min)
Liam geht nach dem Tod seiner Schwester durch eine schwere Zeit. Geplagt von geheimnisvollen Vorstellungen verschwimmt für ihn die Grenze zwischen Traum und Realität. (> Film auf YouTube)

Laudatio:
Drehbuchautor und Regisseur Jannik Hösch nimmt sich in seinem allerersten Film direkt ein unfassbar schweres Thema vor: Den Tod eines geliebten Menschen. Liam ist ein ganz normaler Junge – er hatte eine Schwester. So der Text am Anfang des Films. Sieben Minuten lang folgen wir Liam, der versucht mit dem Verlust zu leben. Immer wieder stellt er sich vor, seine Schwester wäre noch bei ihm, immer wieder holt ihn die Realität ein und immer und immer mehr verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Traum.
Das Team um „Revoir“ glänzt dabei besonders durch eine beeindruckende Liebe zum Detail. Szenen in denen sich Liam seine Schwester vorstellt sind farbenfroh und hell – dieselbe Szene ohne seine Schwester dagegen farblos und trostlos. In einer Szene zerbricht ein Bild der beiden am Boden. Während Liam es noch in der Hand hält, sind die beiden auf dem Foto zu sehen, auf dem zerbrochen am Boden liegenden Bild ist alles gleich – nur seine Schwester ist nicht mehr dabei.
„Revoir“ ist ein Kurzfilm, der eine Geschichte erzählen möchte, ein Kurzfilm, der es schafft, sieben Minuten lang zu unterhalten, neugierig zu machen und spannend zu bleiben – und das ohne ein einziges gesprochenes Wort des Protagonisten. Das Ausmaß der Bildsprache ist beeindruckend für ein Filmprojekt ohne Vorerfahrung, auch der Kameramann Luis Pitterlein verdient ein besonderes Lob. Das soll aber keineswegs die Leistung der anderen Teammitglieder schmälern. „Revoir“ ist – in allen Belangen – ein ausgezeichneter Film der Kategorie COMING UP. So bleibt uns nichts mehr zu sagen außer: Au Revoir – Auf Wiedersehen. Die Jury freut sich auf eventuelle weitere Einreichungen von Jannik Hösch in den nächsten Jahren.

2. Preis in der Kategorie COMING UP
Felicitas Stößel : „Einsicht“ (Lauf 2019 // 8 min)
Cecilia ist mit ihrem Freund picknicken, doch dieser benimmt sich merkwürdig. Als er beim Namen einer Bekannten regelrecht ausrastet, wird sie misstrauisch.

Laudatio:
Welch eine Idylle. Ein lichter Wald, die Vögel zwitschern, im Hintergrund ist ganz zart Beethovens Mondscheinsonate zu hören, aber schon nach wenigen Sekunden wähnt man sich in einem Alptraum. Blut tropft von einem Blatt und die Handkamera verfolgt den Mörder durch das Dickicht. In der nächsten Szene wird aus einem harmlosen Picknick auf einer Waldlichtung die Entdeckung eines Verbrechens. Cecilia rennt um ihr Leben, verfolgt von ihrem Freund. Die Handkamera, die in der ersten Szene noch beschaulich und ruhig geführt wurde, verwandelt sich in eine Action-Cam und wird dabei unterstützt von einem turbulenten, haargenau auf die Szene passenden Soundtrack.
Felicitas Stößel gelingt es, in diesem Psychothriller die Spannung hoch zu halten. Immer wieder wendet sich die Handlung und auch das fulminante Schlussbild des festen Händedrucks aus dem das Blut fließt, wird in Erinnerung bleiben. Dabei spielt Felicitas Stößel mit der Belichtung, lässt immer wieder dem Einfall des Sonnenlichts freien Lauf und lässt ihren Film am Ende mit einer sanften Klaviermusik ausklingen, die den Horror konterkariert. – Eine insgesamt spannende Geschichte, verarbeitet in einem gelungenen Film, für den sich die Jury freut, ihn am Mittelfränkischen Jugendfilmfestival 2020 mit dem zweiten Preis in der Kategorie COMING UP auszeichnen zu dürfen.

1. Preis in der Kategorie TALENT
Ingwer Productions: „Abgrund“ (Weißenburg 2019 // 33 min)
Linus geht auf das Dach eines Hochhauses, um Suizid zu begehen. Dort trifft er auf Clara.
(> Film auf YouTube)

Laudatio:
Die Filmemacher*innen haben sich des durchaus nicht leichten Themas Suizid angenommen. Sie nähern sich der Thematik aber nicht abstrakt, sondern beziehen es auf die Lebenswirklichkeit junger Menschen. In diesem Fall ist der Ausgangspunkt der für manche nicht leicht zu bewältigende Übergang, der am Ende der Schulzeit ansteht. Die zwar oft gehasste Struktur des Alltags geht verloren, Freundschaften lösen sich auf und nicht selten fühlt man sich überfordert von der neuen Situation.
So auch der Hauptdarsteller des Films, Linus, dessen Freundin nach dem Abitur erst einmal viele Zwänge abstreifen möchte und das Abenteuer sucht. Leider passt da Linus mit seinen Vorstellungen von Beziehung nicht mehr so recht dazu. Linus fühlt sich unverstanden und zurückgewiesen und beschließt, auf einem Hochausdach seinem Leben ein Ende zu setzen. Doch da trifft er auf Clara – vielleicht ein Engel? -, die ihn sehr unaufgeregt in ein Gespräch verwickelt. In Rückblenden erhalten wir Einblicke in das Leben von Linus. Die gut inszenierten Einblendungen sind mal reale Spielszenen, mal gewähren sie Einblick in die inneren Ängste des Protagonisten. Die beiden Hauptdarsteller überzeugen in ihren Rollen. Linus als verletzter und depressiver junger Mann und Clara als „naiver“ Engel, für die es kein Problem gibt, welches sich nicht lösen lässt.
Kameraführung und Vertonung sind unaufdringlich und treiben die Geschichte sehr gekonnt voran. Auch die überaus sorgfältig gestalteten Einblendungen beeindrucken: Nichts wird dem Zufall überlassen, nichts wirkt unüberlegt.
Ein mehr als gelungener Film, der die 30 Minuten trägt und dem Publikum mit schöner Bildsprache und gut geschriebenen Dialogen einen Einblick in die Seelenwelt eines jungen Mannes gewährt. Wir gratulieren zum 1. Preis in der Kategorie TALENT und freuen uns auf weitere Produktionen der Filmgruppe.

2. Preis in der Kategorie TALENT
Agnes Lengenfeld: „Mir geht’s gut“ (Fürth 2019 // 27 min)
Was macht man, wenn einem die beste Freundin mitteilt, dass sie Depressionen hat? Wie kann man damit umgehen? Was gibt es für Probleme? Und vor allem: Wie kann man helfen?
(> Film auf YouTube)

Laudatio:
Kurzfilme über Depressionen sind wahrlich keine Seltenheit. Wenn man ‚Kurzfilm‘ bei YouTube eingibt, handelt fast die Hälfte der Vorschläge nur von diesem Thema. – Und: Das ist wichtig! Denn immer noch sind Depressionen ein Thema, das in der Öffentlichkeit zu wenig Platz findet. Immer noch wird diese Krankheit nicht ernst genommen. Genau deswegen ist es so wichtig, darüber zu reden. Oder eben darüber Filme zu drehen. – Agnes Lengenfeld geht in ihrem 26-minütigen Film „Mir gehts gut“ aber einen anderen Weg – sie geht mit einem erfrischenden neuen Dreh an das Thema ran. Die meisten anderen Kurzfilme dieser Art haben einen depressiven Protagonisten im Mittelpunkt. In „Mir geht’s gut“ folgen wir der Freundin einer Jugendlichen, die an dieser Krankheit leidet. Der Film stellt dabei – aufgrund von realen Erfahrungen der Drehbuchautorin – nicht die Frage: Wie lebt man mit Depressionen? Sondern die Frage: Wie geht man als junger Mensch damit um, wenn ein guter Freund oder eine gute Freundin Depressionen hat? – In „Mir geht’s gut“ versucht Lucy ihrer Freundin Bella stets beiseite zu stehen – während andere Freundinnen Dinge sagen wie: „Depressionen? Das ist doch voll cool. Wenn du morgens keine Lust auf Schule hast, dann bleibst du einfach daheim.“ So sind Depressionen aber nicht. Genau wegen solcher Aussagen sind Filme wie dieser so wichtig. Das heißt aber nicht, dass der Film nur durch das Thema begeistert. Agnes Lengenfeld hat ein dialogstarkes Drehbuch geschrieben für einen dialog-getriebenen Film. Die Depression wird an keiner Stelle – wie in anderen Filmen oft – romantisiert, sie wird stets ernst genommen. Auch vor der Kamera spielen besonders Zoe Thobor und Clara Lengenfeld überzeugend und nahe an der jugendlichen Realität.
Damit hat sich Agnes Lengenfeld, die neben dem Drehbuch auch für Regie, Kamera 1 und Schnitt verantwortlich war, den 2. Preis in der Kategorie TALENT redlich verdient!

1. Preis in der Kategorie PROFESSIONAL
Super Film Group / quadratkollektiv (Boris Gavrilovic, Johannes Zenk, Eva-Maria Amm):
„Vom Schwimmen“ (Nürnberg 2019 // 18 min)
Nadine und Josef führen schon seit mehreren Jahren eine feste Beziehung. Doch als Josef ihr gesteht, dass er auch an Männern interessiert ist, fängt die Beziehung an sich zu wenden.

Laudatio:
Es wird eine Geschichte erzählt, die im Film schon millionenfach erzählt wurde und doch wird sie in diesem Kurzfilm wieder neu und sehr filmisch erzählt. Und dies in einem Kammerspiel, das sich erst zum Schluss nach draußen öffnet. Es ist die Geschichte einer Liebe nach der ersten Verliebtheit, die Sprachlosigkeit, die sich längst breitgemacht hat. Dies wundervoll symbolisiert durch die zwei Goldfische in dem Aquarium, mit dem Josef Nadine eines Tages einfach in der gemeinsamen Wohnung überrascht. „Die leben doch bestimmt lang“, fragt Nadine. „So 20 Jahre“ entgegnet Josef. Schon allein in diesem einfachen, auf den Punkt gebrachten Dialog, drückt sich die Kunst aus, wirklich universelle Geschichten filmisch zu erzählen. Das ist eine Kunst ein Drehbuch zu verfassen, in dem ebenso Darstellung, Räume, Licht, Ton und Montage ihre Möglichkeiten erhalten, die derzeit leider nur wenige im deutschen Film beherrschen. Wundervoll dargestellt von Marlene Hauser und Marcel Herrnsdorf. Auch das restliche Team um Boris Gavrilovic, Eva-Maria Amm und Johannes Zenk hat bis zur metapherhaften Titelfindung meisterhaftes zustande gebracht. Dieses Kernteam möchte erfreulicher Weise auch bei ihrem Bachelor-Film für die Ohm-Hochschule zusammenarbeiten und wird sicher wieder einige Mitstudenten mit einbeziehen. Auf diesen Film freuen wir uns schon sehr. Auch auf viele weitere, die folgen werden. Da sind wir uns sicher. Herzlichen Glückwunsch zum ersten Preis in der Kategorie PROFESSIONAL beim 32. Mittelfränkischen Jugendfilmfestival!

2. Preis in der Kategorie PROFESSIONAL
Hochschule Ansbach (Stefanie Kretsch): „Druckausgleich“ (Ansbach 2019 // 20 min)
Lavender ignoriert Probleme und rennt vor Konflikten davon. Ihr Traum ist eine Tauchreise mit ihrem Freund Rashid. Doch ihre Mutter steht dem Ziel im Weg. (> Film auf Vimeo)

Laudatio:
Eine junge Frau philosophiert unter Wasser über die Angst. Nach dem Auftauchen aus diesem Traum kehrt sie zurück in die Realität. Es sind nicht nur einfache Schnitte, die diese ersten Sequenzen verbinden, sondern es wird mit Schärfe und Unschärfe, der Blende, mit Symbolen und mit Close-Ups der Augen der jungen Frau der Unterschied zwischen Traum und Realität sichtbar. Das ist handwerklich gut gemacht und kreativ zugleich. Wir lernen eine verängstigte Mutter kennen, die ihre Tochter am liebsten vor allem Bösen in der Welt beschützen möchte und dabei auch noch ihre Vorurteile gegenüber dem Fremden pflegt. Diese Vorurteile werden noch durch entsprechende Angstmeldungen, die aus dem Radio kommen, unterstützt. Lavender, so heißt die junge Frau, hat einen Weg gefunden, sich vor den Angsttiraden ihrer Mutter zu schützen. Sie taucht einfach ab. Unter Wasser trifft sie jeweils ihren verstorbenen Vater, der sie versteht und ihr Geborgenheit gibt. Eines Tages möchte Lavender Rachid, ihren ägyptischen Freund, der Mutter vorstellen. Das Kennenlernen verläuft natürlich sehr gezwungen (umwerfend die „Handschuh-Szene“ zur Begrüßung) und irgendwann kann die Mutter ihre Angsttiraden nicht mehr zurückhalten. Ihre Fremdenfeindlichkeit bricht ungeschminkt aus ihr heraus und Lavender taucht wieder ab. Diesmal aber taucht sie mit der Erkenntnis auf, sich der realen Welt stellen zu wollen. Eine letzte Sequenz unter Wasser mit einem Plädoyer für Liebe, Toleranz und Freiheit schließt den Film ab. Der Film wird getragen durch eine schlüssige Geschichte und vor allem durch die wunderbaren Unterwasseraufnahmen, die Stefanie Kretsch wahrlich gelungen sind. Dazu wurde eine Unterwasserwelt in die Aufnahmen perfekt montiert und integriert. Die jeweiligen Szenen sind mit einem sphärischen Soundtrack passend unterlegt.  Die Jury freut sich, den Film mit dem zweiten Preis in der Kategorie PROFESSIONAL auszeichnen zu dürfen.

Sonderpreise:

FRANKEN FERNSEHEN KURZFILMPREIS
Alex Gröpel: „Iral“ (Nürnberg 2019 // 6 min)
Ein unangenehmer, assoziativer Ritt durch verschiedene Zustände und Stimmungen.

Laudatio:
Bei diesem Film haben wir es endlich einmal wieder mit einem experimentellen Film zu tun, der den Film zerlegt in Einzelfotografien. Der dadurch nach so grundlegenden Dingen forscht wie Bewegung und Stillstand, Geschwindigkeit und Ruhe, Licht, Farbe, Schwarzweiß und Ton. Der Assoziationen verknüpft. Der wirkt, als wolle er in die Tiefe des schneckenförmigen Treppenhauses, durch die Wiese, in die Tiefe des Wassers, des Tümpels, oder des Waldes, oder in die Häuserfluchten vordringen. Alles verbunden durch ein sehr geschicktes Sounddesign. Zunächst lockt er den Betrachter in eine Falle. Man meint die Hektik der Stadt als Kontrast zur Ruhe in der Natur als Grundmotiv auszumachen. Aber später zeigt er ein völlig ruhiges Wohnzimmer, das ähnlichen Horror erzeugt, wie der mit Rauschen versetzte Geschwindigkeitsritt durch die Stadt am Anfang. Auch die Naturaufnahmen sind nicht nur ruhig. Die Kamera beginnt mitten im Wald zu rotieren, dann tauchen ruhige Straßenschluchten, nächtliche Szenerien und Unterwasseraufnahmen auf, in denen sich das Licht von oben bricht. Was für eine Arbeit, aber auch was für eine faszinierende Experimentierfreude. – Viel zu selten befassen sich junge Filmemacher und Filmemacherinnen mit den experimentellen Möglichkeiten des Films und allzu oft verschwinden Ihre Filme, sobald sie eine gewisse Meisterschaft erreicht haben in Kunstgalerien und sind fürs Kino verloren. Es sei denn ihre Meisterschaft taucht kurz als Effekt in Hollywood Produktionen, meist in Science-Fiction-Filmen wieder auf. Ein Film wie „Iral“ lässt die Hoffnung aufkommen, dass sie bald auch wieder als Kurzfilm ihr Terrain im Kino zurückerobern. – Wir gratulieren Alex Gröpel sehr herzlich zum diesjährigen KURZFILMPREIS.

MUSIKCLIP-PREIS
deltoxstudios: „mc airian – wollt ihr wieder stress?“ (Nürnberg 2019 // 4 min)
Musikvideo zur Single „wollt ihr wieder stress?“ von mc airian (prod. by matthew).
(> Clip auf YouTube)

Laudatio:
Ein grinsender 16-jähriger Rapper sprechgesangt uns entgegen: „Wollt ihr wieder Stress?“
„Neee, lieber nicht“ denkt sich da die Jury und vergibt den Musikvideopreis an deltoxstudios.
Stress beiseite: Dieses selbstironische, schlaue, provozierende und politische Musikvideo entfachte bei der Jury lange Diskussionen. Sehr explizite und heftige Aussagen hören wir da. Diese sind ernst zu nehmen, gleichzeitig in Rapper-Attitüde derb verpackt. Visuell überzeugt der Clip durch klassischen Rap Style, gewürzt mit einfachen und gleichzeitig stimmigen Special Effects.
Gratulation zum MUSIKCLIP-PREIS 2020 für ein mutiges Stück Musikvideo.

WEBVIDEOPREIS
ALEY: „Hörgeschädigte auf Tinder?! – Das Experiment“ (Nürnberg 2019 // 10 min)
Heutzutage nutzen immer mehr Menschen Apps wie Tinder, um jemanden kennenzulernen. Doch unterscheiden sich die Reaktionen beim Online-Dating für Menschen mit Behinderung?
(> Clip auf YouTube)

Laudatio:
Das Video hat alles, was ein guter YouTube-Clip braucht: Eine interessante Idee, gut gefilmt und gut geschnitten, Untertitel, Endcard, Call-to-action und gestaltetes Thumbnail. Das Besondere ist aber der Inhalt: Auf eine sehr humorvolle, offene und persönliche Art spricht die YouTuberin ALEY mit ihrem Tinder-Experiment über ein Thema, das man in dieser Form so nicht häufig auf YouTube findet: „Wie gehen junge Menschen, gerade im Dating-Leben, mit einer sichtbaren Behinderung um?“ – Das Ergebnis ist nicht nur unterhaltsam, sondern auch informativ – besonders für alle, die bisher kaum bis keine Berührungspunkte mit einer Behinderung hatten. Das vielleicht auf den ersten Blick komplexe Thema, wird hier sehr abwechslungsreich und technisch einwandfrei bebildert und deswegen fühlen sich die 10 Minuten überhaupt nicht an wie 10 Minuten. Man fragt sich nach diesem Experiment, ob es mehr dieser Art gibt, denn diese Nische, die ALEY für sich gefunden hat, würde YouTube auf jeden Fall bereichern! Wir sagen herzlichen Glückwunsch zum WEBVIDEOPREIS des 32. Mittelfränkischen Jugendfilmfestivals und freuen uns auf weitere tolle Videos von ALEY.

SONDERTHEMA „DEMOKRATIE“
Antonia Neumeier: „Polarisbeitrag: Die Vielen“ (Nürnberg 2019 // 4 min)
Künstler schließen sich zusammen und demonstrieren für den Erhalt der Demokratie und Kunstfreiheit. Bericht des Jugendfernsehmagazins „Polaris“.
(> Beitrag auf YouTube – in „polaris“)

Laudatio:
Schon allein die Auswahl des Themas für ein Jugendfernsehmagazin ist außergewöhnlich. Beim Solidaritätspakt DIE VIELEN geht es zwar um nichts geringeres als der Verteidigung der Freiheit der Arbeit von Kunst- und Kulturschaffenden gegen die Hass- und Hetzkampagnen rechtspopulistischer Gruppen. Auch haben sich dem Pakt und den Aktionen mittlerweile über 3500 Kunst- und Kulturinstitutionen in ganz Deutschland angeschlossen. Aber seien wir einmal ehrlich, besonders populär ist das Thema in Funk und Fernsehen bislang nicht. Berichterstattungen über derartige Initiativen finden immer weniger Raum auch in den öffentlich-rechtlichen Sendern. Mut gehört bei Journalisten mittlerweile dazu, adäquat über gesellschaftspolitisch relevante Themen in den Medien zu berichten, sich den Raum dafür und das Format zu erhalten und so auch für einen in der Demokratie notwendigen, inhaltlich wichtigen Informationsfluss zu sorgen. Hinzu kommt, dass durch den Beitrag das bundesweite Aktionsbündnis durch die Berichterstattung der Aktion in der eigenen Stadt erfahrbar gemacht wird. Wir gratulieren Antonia Neumeier sehr herzlich und freuen uns schon auf weitere Beiträge von ihr.

Lobende Erwähnungen:

LOBENDE ERWÄHNUNG [1] – KATEGORIE COMING UP
ViTeRo (Video Team d. Oskar-v.-Miller-Realschule Rothenburg) „Diegos Schmiedekunst“ (Rothenburg ob der Tauber 2019 // 7 min)
Der 12-jährige Diego hat ein außergewöhnliches Hobby: Er schmiedet. ViTeRo besucht ihn in seiner Werkstatt und erhält Einblicke in eine fast vergessene Handwerkskunst.

Laudatio:
Die Filmgruppe nimmt uns in ihrem Beitrag mit in die Welt des Schmiedens und gewährt uns interessante Einblicke in die Bearbeitung von Eisen mit Feuer und Muskelkraft. Das Außergewöhnliche ist aber, dass die Hauptfigur – Diego de Candida, der den Umgang mit Hammer und Feuer beherrscht – erst 12 Jahre alt ist. Diegos Hobby ist nicht Fußball oder Computerspielen, sondern das Schmieden. Er hat es für sein Alter schon zu einer beachtlichen Könnerschaft gebracht. Auch beim Publikum springt der Funke über, weil die Filmemacher*innen ihren Hauptdarsteller gekonnt in Szene setzen: Diego beschreibt mit großer Fachkenntnis die Grundlagen des Schmiedens – vom Entfachen des Schmiedefeuers, über die richtige Temperatur des Eisens bis zur fachgerechten Nutzung des Hammers. Man bekommt große Lust bei Diego einmal nachzufragen, ob man bei ihm nicht einen Einsteigerkurs ins Schmiedehandwerk buchen kann.
Auch die Kameraführung und die lebendige Erzählweise des Hauptdarstellers sind für das Alter der Filmgruppe sehr erstaunlich. Der Beitrag verzichtet gänzlich auf einen Kommentar aus dem Off und lässt nur die Bilder und den Hauptdarsteller sprechen. Eine Kunst, die man bei professionellen Dokumentationen leider oft vermisst.
Zudem nimmt uns die mittelalterliche Musik, die die Schüler selbst eingespielt haben, mit in eine Zeit, in der das Schmieden eine der wichtigsten Handwerkskünste war. Die jungen Filmemacher*innen haben sich ein Lob der Jury wirklich verdient.

LOBENDE ERWÄHNUNG [2] – KATEGORIE TALENT
CD films: „Framed Nature“ (Nürnberg 2019 // 5 min)

Technologie bestimmt unser ganzes Leben. Doch die Limitierung von Technologie lässt das Individuum erkennten, dass die wahre Natur unsterblich ist. (> Film auf YouTube)

Laudatio:
Wir leben im Zeitalter der Digitalisierung. Auf der einen Seite wird uns dadurch der Zugang zu einem Universum an Informationen ermöglicht, auf der anderen Seite scheint unser Blickfeld durch ebendiese eingeschränkt zu werden. „Framed Nature“ nimmt sich dieser Thematik auf verspielt philosophische Art und Weise an. Mit der Folge, dass sowohl Protagonist, als auch die Zuschauenden selbst im Laufe des Films an ihrer Wahrnehmung zu zweifeln beginnen. Der Film erzählt vom Alltag eines Jungen, welcher fast ausschließlich von Technologie bestimmt wird: Selbst wenn er in die Natur fährt oder sich mit seinem Freund trifft, steht das Handy im Vordergrund. Das Team um den Regisseur und Kameramann Cem Sakalli nähert sich dem Thema nicht nur auf inhaltlicher, sondern auch auf formaler Ebene. Beispielsweise sieht das Publikum den eingeengten Alltag des Jungen durch das Format 4:3. Erst wenn sich die Kamera von der Hauptfigur löst und scheinbar eigenständig den Blick durch die Natur schweifen lässt, öffnet sich das Bild zu 16:9. Ebenso erwähnenswert ist das Colorgrading und die Bildkomposition, die die Atmosphäre einer perfekten aber künstlich, kühlen und eingerahmten Welt erzeugen. Das alles erschaffen die Filmemacher mit einem Smartphone und zeigen damit: Um einen großartigen Film zu machen, braucht man keine Highend-Technik, sondern vor allem Kreativität und eine gute Idee.

LOBENDE ERWÄHNUNG [3] – KATEGORIE WEBVIDEO
Langwasser Kids: „Breathe“ (Oberasbach 2019 // 15 min)

Ein Mädchen versucht, sich aus ihrer Gefangenschaft zu befreien. Doch draußen trifft sie auf eine zerstörte Welt. Bei diesem interaktiven Film liegt es am Zuschauer, seinen Weg zu wählen.
(> Film auf YouTube)

Laudatio:
Die „Langwasser Kids“ überzeugen in diesem Video mit vielen Dingen auf einmal: Sie haben einen interaktiven Film gemacht, bei dem die Zuschauer immer wieder entscheiden können, wie es weitergeht. Diese Idee ist prädestiniert für die Präsentation auf YouTube, da man hier ganz leicht zum nächsten Teil weiterklicken kann. Dabei hat die Gruppe auch nicht die Mühe gescheut, viele Szenen mehrmals auf unterschiedliche Weise zu drehen – ohne den Überblick zu verlieren. Doch der Film ragt noch durch weitere Qualitäten hervor: So fallen die außergewöhnlichen Locations und überzeugende Kulissen- und Requisitenarbeit auf – und das bei einem kleinen Team von 2-3 Personen. Hiervon können sich einige professionelle Produktionen eine Scheibe abschneiden! Auch die fiktive Story kommt gerade in Zeiten von Geschichten wie „Hunger Games“ oder „Black Mirror“ sehr gut an. Der YouTube-Kanal der Gruppe ist interessant und hat Potenzial. Im besten Falle gibt es dort noch mehr solcher Produktionen, Kurzfilme, mehr Einblicke hinter die Kulissen und Hintergründe über die Macher und die Machart des Filmes. So können solche Videos auf YouTube vielleicht noch mehr Leute erreichen – und das wäre es definitiv wert. Die Jury vergibt deshalb eine LOBENDE ERWÄHNUNG im Bereich Webvideo.